Kathmandu 1978: schön wär's gewesen

immer wenn ich im flieger auf dem routenmonitor den Van- see ( Türkei ) unter mir sehe werde ich melancholisch:

ich hatte mich während des einmarschs der SU in Prag 1968 entschlossen zur BW zu gehen. wie sich später dort rausstellte war 68 dramatisch, die Nato war in voller alarmbereitschaft wg angst vor weitermarsch der Russkis. mein regiment war damals in der alarmstellung im wald, incl der atomaren batterie .

während meiner 2 jahre dort - berufssoldat ging zum glück wg rücken nicht - 7 jahre später habe ich fleissig an einem älteren plan weitergesponnen: überland nach KTM. lange vor’m WWW mußte man sich aus berichten anderer globetrotter und deren hektografierten ( wer weiss noch was das ist?) „führern“ schlau machen. alles war viel spannender als heute wo jeder depp reisen kann

der deal: für ca 200 DM von HAM nach KTM mit bahn, bus und fähre. los ging es via Italien oder Balkan zur Türkei. ab Ankara mit dem traumhaften Trans-Asia-Express und der eisenbahn-fähre über den Van- see bis nach Teheran. weiter nach Kabul mit dem bus, dann Pakistan, Indien und bingo: schon war man in KTM, nach schlappen 3-12 monaten je nach gusto und reisekasse, der weg ist das ziel.

damals - ende der 70’er - waren dies immer noch absolute traumziele und kamen wirklich dem nahe was man heute nur als unerreichbares reise-paradies im kopf hat.aber nicht finden wird…

kreditkarten hatten nur die reichen und schönen, geld für 1 jahr mitschleppen war riskant. die kasse konnte man unterwegs alle paar wochen mit dem verkauf einer blutspende und dem obligatorischen jobben in restaurants etc auffrischen. oft wurde man vor ort dank exotenbonus eingeladen, wenn nicht zum übernachten dann wenigstens zum essen mit der familie, ideale völkerverständigung. dazu am „lagerfeuer“ neben reisetips auch nette globetrotter- stories, zB blutbanken die ihre ausländischen spender bis zum letzten tropfen auslaufen lassen oder man hinterher ne narbe an der seite hat = niere geklaut, oder auch mal beide usw. Urban legends in masse

wie das leben so spielt: noch während der BW- zeit kam ein super angebot für eine lehre zu meinem traumberuf „gehilfe im groß- und aussenhandel“ bei einer tollen kleinen firma. also reiseplan und geplantes BWL studium ad acta gelegt, die reise kann man ja auch nach der lehre machen.

pustekuchen: gleich danach kam angebot einer noch besseren firma für die ich dann letztendlich auch 20 jahre in Asien gelebt habe, als einer der ersten Westeuropäer im Arbeiter- und Bauernparadies Vietnam und deren damaligen Kolonie Kambodscha ( letzteres war die hölle auf erden).

flog 79 mein 2tes mal nach Burma und Thailand, auf dem rückflug am 24.12. in der Bkk Post über unerklärliche truppenbewegungen in der SU gelesen. bei ankunft zuhause dann der schock: einmarsch der Sowjets in Afghanistan. vorher - februar 79 - war schon der Iran dicht dank des bekloppten Chomeini und damit blieb der überlandtraum für alle zeiten ein traum.

Ende 1980 dann dank kooperativem senior- chef zumindest kleinen teil verwirklichen können: mit oneway auf Lot Ostberlin- Mumbai und von dort überland via Radjastan, Agra etc nach KTM, 9 traumhafte wochen. Indien war damals angenehmer, nur 700 mio statt 1,5 mrd menschen und vor allem weniger autos = smog

das KTM- tal kam damals Shangrila sehr nahe, 3 alte königsstädte quasi in gehweite. die drogen waren schon verboten = die süchtigen meist raus und touristen hatten noch angst vor dem land. lebendiges mittelalter plus cinnamon rolls plus irrer blick auf die berge rundherum dank kristallklarer luft. Ca 400.000 einwohner im ganzen tal und fast keine fahrzeuge, nun 2,5 mio.

Heute hat man glück wenn man mal 200 m weit sehen kann und auch mit dem fahrrad aufs dorf würde ich mich nicht mehr trauen. Viele der tollen ziegelhäuser in der altstadt wurden abgerissen und durch häßlichen beton ersetzt, KTM ist aber immer noch toll, mit abstrichen…

man reiste seinerzeit leider ohne digitale kamera, die dias sind lange verblasst. Bleibt die erinnerung. teuer war das fliegen auch: auf der damals grottigen Lot für Ostberlin - Mumbai oneway fast 600 DM bezahlt, heute fliegt man HAM-BKK für 450 € mit 1st class airline und muß dafür nicht mal halb so lange arbeiten wie damals…

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tolle schilderung, ebenso interessant wie eindrucksvoll, tja heute laufen alle mit Handys mit permanentem Inet rum, früher mit dem orangen dicken „Loose“ Reiseführer, an dem man immer die Deutschen erkennen konnte, die Angelsachsen am „Lonely Planet“…off the beaten path ist wohl nicht mehr möglich in zeiten v Inet, ewige suche nach dem unentdeckten Paradies, schon in „The Beach“ perfekt beschrieben, was hebe ich den Stefan Loose beneidet, der das alles noch als terra incognita erlebt hat.

mein gott, Si Phan Don in Laos ohne Strom, Vang Vieng,das Drogenparadies, Goa in den 90ern ohne Russen, was hab ich Indien vor 25 Jahren geliebt …undundund… watt war dat schön…damals kam man zwangsläufig beim Reisen ins Gespräch, heute sind alle beschäftigt, denen zuhause zu zeigen, was sie tolles erleben…aber auch damals sassen die meisten abends in Cafes in Koh Phangan und schaut endlose Wiederloungen von „Friends“, oder die 3 Filme, die jeden Abend um 16, 19 und 21 Uhr in den Guesthouses abgespult wurden , war auch nicht anders als heute

collect memories not things, mein Motto, seit es mir mein Vater eingebleut hat, hab so wie du, zabadac noch die „Gnade der frühen Geburt“ und hab einiges noch ursprünglich erleben dürfen , was dann ein paar jahre später schpn planiert und modernisiert war … tja, der lauf der Welt…schade und gleichzeitig gut, …okay,okay, ich hör schon auf, vom Krieg zu erzählen…:wink: