Ich glaube hier kommt zuletzt einiges zusammen:
a) neues EES-System - sprich das System ist noch in den Kinderschuhen und hat wohl hier und da noch Probleme. Ebenso brauchen die Grenzbeamten noch Zeit, bis sie es im Schlaf beherrschen. Das Erfassen aller Daten wird ja hier und da sogar wieder ausgesetzt, wenn der Ansturm zu groß ist.
b) Alle einreisenden nicht-EU-Bürger müssen jetzt erstmal biometrisch erfasst werden. Das dauert halt erstmal länger, da gegenwärtig halt kaum jemand in der Datenbank ist. Daten werden drei Jahre gespeichert. Mit der Zeit sollte es ja dann flotter gehen als derzeit.
c) Logistik: hab erst gestern gelesen, dass viele Grenzübergangsstellen in diversen EU-Ländern die notwendige Hardware (Fingerprintscanner Kameras) noch nicht angeschafft haben. Das ist natürlich ein Fuck-up.
d) Personalplanung: so wie ich es beobachte und höre, setzen sie entweder nicht genügend Personal ein bzw. haben es nicht, so dass letztlich trotz Mehraufwand die gleiche Menge an Personal die Reisenden abfertigt. +1 ist letzte Woche in AMS eingereist und meinte es sei dort nur jeweils eine Person für EU-Bürger und eine für nicht-EU-Bürger im Einsatz gewesen und die Schlangen somit endlos. Natürlich auch ein Fuck-up. Dazu auch eine wichtige Fußnote aus deutscher Perspektive: Wir kontrollieren ja weiterhin unsere Außengrenzen auch zu unseren EU-Nachbarn. Das braucht Personal. Das fällt ja nicht vom Himmel, sondern muss woanders abgezogen werden. Die Damen und Herren, die irgendwo im Erzgebirge die tschechische oder am Rhein die französische Grenze kontrollieren könnten meiner Meinung nach wesentlich sinnvoller in FRA oder MUC am Schalter sitzen. Auch falsche Priorität hier meiner Meinung nach.
e) Crowd Management/Wartezeit: das ist eben nicht Verantwortung der Bundespolizei so wie ich es einschätze. Deren Verantwortung endet m.M.n. an der “Bitte-2-Meter-Abstand-halten”-Linie. Alles davor ist denen egal. Überlegt mal wer euch i.d.R. an Flughäfen fragt ob ihr EU- oder nicht-EU-Bürger seid, um euch einer Schlange zuzuweisen. Das sind Flughafen-Mitarbeiter, keine Polizisten. Hier müssten die Flughäfen halt öfter die Schlangen ablaufen und zuweisende Absperrungen schon eher aufstellen, um strikter zwischen diesen beiden Reisendengruppen zu trennen, so dass wir nicht unnötig mit den anderen warten müssen, sondern frühzeitig zu den eGates geleitet werden (die Polizei sollte nur sicherstellen, dass deren Gates auch funktionieren. Wie oft einfach nur 2 von 4 aktiv sind…). EU-Bürger sind gerade unerwünscht Leidtragende eines Prozesses, der eigentlich nur nicht-EU-Bürger betreffen sollte. Also hier Airports bitte ran! Die wollen ja eigentlich auch nicht, dass deren Gänge verstopft sind. Hinzu kommt, das es der Bundespolizei eigentlich egal sein kann, wieviel Leute da an der Grenze stehen. Die machen einfach nur ihren Job: individuelle Einreisekontrolle. Ich durfte vor einem Jahr Mal in DUS der BPol über die Schulter schauen und hinter die Kulissen blicken. Es war beeindruckend mit welcher Arschruhe und Gelassenheit die in ihrem Häuschen sitzen. Die lassen sich und sollten sich nicht von einer langen Schlange stressen lassen. Und dem Beamten, der da mitunter alleine sitzt, ist es egal, ob da 2, 200, oder 2000 Leute stehen. Der spült sein Programm pro Person runter, fängt somit je Person wieder bei Null an, und macht Dienst nach Schicht, bis er abgelöst wird. Die müssen keine stündliche Abfertigungsquote erfüllen (wäre ja auch konträr zum Sicherheitsanspruch bei der Kontrolle) oder länger arbeiten. Was ich sagen will: die Wartezeit und Schlangenlänge hat keinerlei Auswirkungen auf die eigentliche Polizeiarbeit, so wie ich das sehe. Lediglich Reisende und Flughafen sind betroffen.
f) Das neue System ist nicht für Reisende konzipiert: auch wenn das Messaging immer betont, dass dadurch alles schneller wird, ist das m.E.n. pure Augenwischerei. Man spart das Stempeln ein, aber macht mehr andere Dinge. Wo mehr Daten gesammelt und dann mit mehr Datenbanken abgeglichen werden, vergeht mehr Zeit. Stetig wachsende Datenbanken und Verlinkungen erzeugen längere Such- und Abgleichzeiten. Punkt. Es wird natürlich besser für den Grenzschutz und Sicherheitsbehörden, da diese mehr Infos haben und Abfragen machen können. Aber für den Reisenden ist zumindest einmalig bzw. potentiell alle drei Jahre mehr Aufwand nötig und mehr Zeit verstreicht.
Das jedenfalls alles meine Eindrücke und Gedanken. Aber eventuell gibt’s ja auch Polizisten oder Flughafen-Mitarbeiter hier, die da exklusivere Einblicke liefern können.