Puh, hierzu könnte ich jetzt einen Roman schreiben. Ich bin jetzt seit 5 Tagen hier und ich merke, wie mich das Thema immer noch mental belastet. Für mich kaum vorstellbar, dass Menschen in anderen Ländern teils Jahre unter diesen Bedingungen leben, täglich mehrfach Luftalarm und Detonationen… Ich hatte die ersten Tage hier immer Kopfschmerzen und ich habe vermehrt Flucht-Träume und generell eher einen unruhigen Schlaf seit wir wieder hier sind. Ich merke jedoch auch schon eine deutliche Verbesserung von heute zu Montag, einfach da man nach und nach mehr im Alltag ankommt.
Wie war die Stimmung? Als der Angriff losging waren wir eigentlich bereits in der Luft auf dem Weg nach MUC. Als wir wieder umgedreht sind, war es bei mir und vielen anderen eher eine „boah ne, nervig“ Stimmung. Alle dachten, wir tanken nun neu auf und nehmen dann eine neue Route - so wurde es nach der Landung in Doha auch durchgesagt. Nach 20min kam dann die Ansage, dass der Luftraum gesperrt sei und alle zurück in den Flughafen müssen. Weiterhin eher leicht genervte Stimmung und die Erkenntnis, dass es sich zumindest um mehrere Stunden ziehen würde. Auf dem Weg zurück zur Al Safwa Lounge kam dann der erste Notfallalarm per Handy. Gruselig, als bei jedem im Flughafen der Alarm losging und jede Stimme verstummte. Das war der Moment, als die ersten Raketen Richtung Al Udeid Airbase flogen (größte US Airbase im Mittleren Osten, ca. 30km vom Flughafen entfernt). Mit mulmigem, aber trotzdem sicheren Gefühl saßen wir beim Lunch.
Im Laufe des Nachmittags hörten und spürten wir zum ersten Mal Explosionen. Es war komisch sich bewusst zu machen, dass wir auf einmal in einem Land sitzen, was bombardiert wird. Gleichzeitig waren alle um einen herum so ruhig, dass wir uns davon haben anstecken lassen. Gegen späten Nachmittag wurden Hotel Voucher verteilt und es hieß, um 3 Uhr nachts gäbe es ein Update. Das war uns zu riskant, dann vom Flughafen weit weg zu sein und wir entschieden uns dazu, eine weitere Nacht in einem Schlafzimmer in der Lounge zu verbringen. Da wir tromped waren, fielen wir um 20:15 ins Bett. Um 22:30 wurden wir vom nächsten Luftalarm geweckt. Wieder merkwürdig und ein mulmiges Gefühl, trotzdem haben wir einfach den Alarm ausgemacht und erstmal weiter gepennt.
Um 1 Uhr nachts klingelt es an der Tür. Der Flughafen würde geräumt werden und wir müssten asap aufbrechen. Völlig verklatscht aufgrund der Uhrzeit packten wir unsere Sachen, das Adrenalin sorgte für Konzentration und Kraft. Wir wurden in einer kleinen Gruppe aus der Lounge bis zur Immigration eskortiert, ab da waren wir dann im Pool sämtlicher Passagiere und es gab keine Bevorzugung der First Class Passagiere mehr. Es hat bis 7 Uhr morgens gedauert, bis wir endlich im Hotel waren. Die 6 Stunden kamen uns vor wie das reinste Chaos, mit etwas mehr Abstand zur Situation muss man jedoch sagen, dass die Sache ganz ordentlich gelöst wurde. Trotzdem stand man natürlich über mehrere Stunden in einer Menschentraube mit mehreren tausend Passagieren. Kurz bevor wir „dran“ waren in einen der Busse zu steigen hieß es, das Hotel in das wir sollten sei voll. Wieso stellt man dann so viele Voucher aus? Es dauerte nochmal 10min dann ging es weiter und jeder Voucher wurde handschriftlich geändert. Für uns ging es dann ins Qabila Westbay, ein Hotel der Autograph Collection von Marriott. Ärgerlich, eigentlich wären wir ins Andaz gekommen… 
Fix und fertig waren wir eine der ersten Leute am Checkin bei der Rezeption. Danach gingen wir erstmal zum Frühstück. Während des Frühstücks gab es mehrere Detonationen, die nicht nur sehr laut, sondern auch spürbar im gesamten Hotel waren. Der Saal verstummte etwas, einigen kamen die Tränen. Dieses Gefühl sollte für die nächsten Tage das neue Normal sein.
Die Woche über war geprägt von täglichem, mehrfachen Luftalarm (auch gerne nachts) und sich steigender Langeweile und Frsutration. Die Stimmung im Hotel war in Summe gut, alle waren dankbar, dass wir uns zumindest ums Schlafen und essen (es gab morgens mittags abends Buffet) keine Sorgen machen mussten. Von Anfang an hieß es, Qatar würde für alles aufkommen. Neben der Angst, eine Rakete oder Drohne könnte doch mal nicht abgefangen werden und ihr Ziel verfehlen, war es vor allem die Aussichtslosigkeit und Frustration über das Auswärtige Amt, was am meisten gestört hat. Die deutsche Botschaft in Doha hatte geschlossen. Per Telefon oder Mail war niemand erreichbar. Die Kommunikation über die Elefand Liste war ein schlechter Scherz, es gab in den ersten 5 Tagen 4x die gleiche Mail zu Verhaltensweisen bei Luftalarm aber keinerlei Infos, was getan wird, um uns hier rauszuholen.
Sämtliche Medienberichte bezogen sich stets auf Dubai und Abu Dhabi. Auch die ersten Rettungsflieger waren alle für Gestrandete in den VAE bestimmt, obwohl zu dem Zeitpunkt bereits 48 Flüge pro Stunde aus DXB und AUH abhoben. Nie wurde in den Berichten Doha erwähnt. Man fühlte sich komplett alleine und im Stich gelassen und musste sich dann noch vom Außenminister anhören, man seie ja selbst ein bisschen Schuld wenn man hier gestrandet wäre. Nein Herr Wadephul, es gab KEINE Warnung davor, dass man nicht über Dubai, Doha etc. umsteigen solle. Wir sind ja froh, dass wir zumindest keinen Flieger der Regierung nehmen mussten, um wegzukommen. Dafür hätten wir ja nochmals 500€ p.P. zahlen müssen.
Ich bin weiß Gott keiner, der sich im Stammtisch-Stil über unsere Regierung beschwert und bin überzeugt davon, dass wir in einem der besten, lebenswertesten und privilegiertesten Ländern der Welt wohnen. Die Zeit dort und der Umgang mit den Bürgern hat meinen Eindruck und die Stimmung jedoch bröckeln lassen. Noch nie habe ich mich von meinem Land so im Stich gelassen gefühlt.
Nun ist es doch der Roman geworden - ich hoffe ihr könnt einen halbwegs guten Eindruck bekommen. Sicherlich könnte ich noch auf viele weitere Aspekte eingehen. Ich versuche jedoch, das Erlebteso gut es geht hinter mir zu lassen. Das Gefühl der Erschütterung von in der Luft abgeschossenen Raketen sowie das Geräusch, wenn es den nächsten Luftalarm gibt werde ich in meinem Leben wohl leider nicht mehr vergessen können.